45 Jahre Tatort



  4 Meinungen
45 Jahre Tatort 5 4

45 Jahre Schauspiel, Spaß & Spannung

 
Der Tatort ist aus der Fernsehlandschaft der Bundesrepublik kaum mehr wegzudenken. Vor 45 Jahren, am 29. November 1970 – um genau zu sein -, strahlte die ARD die erste Folge der Tatort-Reihe in ihrem Sonntagabendprogramm aus. Der Krimi mit dem Titel „Taxi nach Leipzig“, vom NDR produziert, drehte sich um den grausigen Fund einer Leiche auf einem Autobahnrastplatz. Die Akte zum Mordfall landete auf dem Schreibtisch des Hamburger Kommissars Paul Trimmel. Walter Richter, der den norddeutschen Ermittler Trimmel in seiner Tatort-Karriere insgesamt elf Mal verkörperte, war ein äußerst mürrischer, unterkühlter Zeitgenosse. Nein, ein besonders beliebter Chef war Trimmel wahrhaftig nicht – aber darauf legte der eigensinnige Fahnder auch gar keinen Wert.
 
Im Jahr 2015 wird nun die Zahl der produzierten Tatort-Folgen auf über 950 ansteigen. Der Tatort ist damit die erfolgreichste, am längsten andauernde Krimiserie im bundesdeutschen Fernsehen. Seit der Geburtsstunde des Tatorts gingen rund 130 verschiedene (Haupt-)Ermittler in 39 Städten und Regionen auf Verbrecherjagd, und vermutlich macht auch genau dieser Ansatz den nachhaltigen Erfolg des Formats aus: die einzelnen Ermittler-Serien und Schauplätze sorgen für Abwechslung beim anspruchsvollen Publikum. Die Krimifreunde erkennen die im Fernsehen gezeigten Handlungsorte in der eigenen Wohnregion wieder. Ein Identifikationsprozess findet statt, der an die Serie bindet. So freuen sich beispielsweise die Tatort-Gucker aus dem Münsterland, wenn Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) Münsters Fortbewegungsmittel Nummer Eins, das Fahrrad, auf dem historischen Prinzipalmarkt nutzt (wenn er auch ein wenig ungeübt auf der „Leeze“ wirkt, zugegeben). Diese und ähnliche Filmszenen erscheinen dem Rezipienten im Idealfall vertraut.

Die quotenstarke Krimi-Reihe greift außerdem regelmäßig aktuelle gesellschaftliche Themen auf, sorgt für Diskussionen, erinnert und mahnt. Eike Wenzel, ein promovierter Medienwissenschaftler, Trendforscher und Publizist, hat den Tatort als „populäres Gedächtnis unserer Gegenwartskultur“ bezeichnet.

Halten wir fest: Der Tatort hat einen einzigartigen Charme und einen kulturellen Wert, der auch nach 45 Jahren noch jeden Sonntagabend Millionen von Menschen vor den Fernseher lockt. Auch dann, wenn es jüngst Tatort-Episoden gab, bei denen der reine Unterhaltungsfaktor im Vordergrund stand. Wenn der hessische Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) mit einer Maschinenpistole bewaffnet eine Gruppe von Gangstern niederschießt und Hau-drauf-Fahnder Nick Tschiller (Til Schweiger) mit blutigen Fäusten das Verbrechen in Hamburg bekämpft, dann zeigt uns der Tatort ein neues, modernes Gesicht.

 
Apropos Til Schweiger: Wir haben einige interessante Fakten aus 45 Jahren Tatort für unsere Leser gesammelt.

Wussten Sie zum Beispiel, dass Schweiger den mittlerweile zum Kult gewordenen Vorspann des Tatorts abschaffen wollte, weil er ihn als „veraltet“ empfand? Dem Wunsch des Schauspielers wurde nicht entsprochen, schließlich ist der Vorspann tatsächlich jener originale, der seit der ersten Tatort-Folge im November 1970 gezeigt wird. Die Augen und die Beine des flüchtenden Mannes im Vorspann gehören übrigens zu dem bayerischen Schauspieler Horst Lettenmayer, der für die Dreharbeiten eine Gage 400 DM erhielt – ein Trinkgeld, aus heutiger Sicht.

Die bekannte Titelmusik des Tatorts wurde 1970 von Klaus Doldinger komponiert, der später die Musik zur Serie „Ein Fall für Zwei“ und für den deutsch-US-amerikanischen Blockbuster „Die unendliche Geschichte“ schrieb. 1979 und 2004 wurden nur leichte Änderungen an der Tatort-Titelmelodie vorgenommen; in der ersten Version saß kein Geringerer als Udo Lindenberg am Schlagzeug.

Til Schweiger wiederum hält den Rekord als Killer im „blutigsten Tatort“ (Stand: Mai 2015): In der Folge „Kopfgeld“ sterben 19 Menschen. Einen Grimme-Preis hat die Tatort-Crew für diese Produktion zwar nicht erhalten, wohl aber wurden bisher sieben andere Episoden der TV-Reihe prämiert.

Blutig oder nicht: die Aufklärungsquote im Tatort liegt bei 99 Prozent, wobei bis 2013 70 Prozent der Opfer männlich waren. Die meisten Tatorte haben bis zum Jubiläumsjahr 2015 in München gespielt, die Zahl liegt im Mai bei insgesamt 94 Folgen. Weimar in Thüringen ist derzeit die kleinste Stadt, in der ein Tatort-Team ermittelt: hier untersuchen Kommissar Lessing (Christian Ulmen) und Kollegin Dorn (Nora Tschirner) Kapitalverbrechen. In der Vergangenheit spielte der Tatort nur ein einziges Mal in einer kleineren Stadt: Hauptkommissar Rullmann (Hans-Werner Bussinger) untersuchte 1984 einen Mord im hessischen Städtchen Heppenheim. Rar macht sich der Tatort allerdings in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg; in diesen Bundesländern hatte bislang noch kein Kommissariat seinen Sitz.

Und wussten Sie, dass die Schweizer den deutschen Bundesbürgern bei den sonntägigen Erstausstrahlungen stets zehn Minuten voraus sind? Dort beginnt der Tatort nämlich schon um 20:05 Uhr. Unsere Rundfunkbeiträge, die seit Januar 2013 von jedem Haushalt der Bundesrepublik pauschal zu entrichten sind, werden natürlich auch zur Finanzierung neuer Fernsehsendungen verwendet: 15 Cent eines jeden Monatsbeitrags fließt in aktuelle Tatort- und Polizeiruf 110-Produktionen.

Ach, und falls Sie einmal Lust bekommen sollten, alle bislang produzierten Tatorte hintereinander zu schauen, dann raten wir dringend davon ab.
Sie wären nämlich etwa 2 Monate lang beschäftigt – ohne Pause.


6 Meinungen zum 45 Jahre Tatort

  • Tilmann • am 13.5.15 um 13:27 Uhr

    Sehr unterhaltsam geschrieben, ich hätte gerne noch eine Viertelstunde weitergelesen, meine einzige Kritik ist, dass es viel zu kurz ist. Es gäbe noch so viele Aspekte hervorzuheben, der dienstälteste Ermittler, der eifrigste, die Eintagsfliegen, etc.


  • arte-Versteher • am 13.5.15 um 13:39 Uhr

    „Weimar in Thüringen ist seit 1970 die kleinste Stadt, in der ein Tatort-Team ermittelt!“

    Weimar hat etwas über 60.000 Einwohner, oder? Damit ist sie AKTUELL wohl die kleinste, aber nicht aller Zeiten: Heppenheim hat 25.000 Einwohner.
    http://tatort-fans.de/category/stadt-archiv/tatort-heppenheim/

    Trotzdem interessante Zusammenfassung. Vor allem:
    „15 Cent eines jeden Monatsbeitrags fließt in aktuelle Tatort- und Polizeiruf 110-Produktionen.“

    Ich hoffe, unsere GEZ-Jammerer argumentieren künftig immer korrekt mit dieser Zahl: „15 Cent von meinem GEZ-Beitrag für diesen grottenschlechten, dekadenten und politisch überkorrekten TO sind ein Skandal…!“ :)


  • Sabine Pofalla • am 13.5.15 um 16:01 Uhr

    @arte-Versteher: Sie haben natürlich vollkommen recht. Weimar ist aktuell die kleinste Stadt, in der ermittelt wird. Herzlichen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Artikel entsprechend korrigiert.
    Beste Grüße, die Redaktion


  • Norbert • am 14.5.15 um 20:42 Uhr

    „Ach, und falls Sie einmal Lust bekommen sollten, alle bislang produzierten Tatorte hintereinander zu schauen, dann raten wir dringend davon ab.
    Sie wären nämlich etwa 2 Monate lang beschäftigt – ohne Pause.“

    Oops, da liege ich mit meiner bescheidenen Sammlung von ca. 310 Folgen noch weit darunter. Alle werde ich wohl nie bekommen :-)


  • Frits • am 31.5.15 um 6:42 Uhr

    Auch als Hollaender gehen meine Tatort-Erinnerungen bis in den Siebzicher Jahren zurueck. Hoffe das die Kommisare uns noch viele Jahren in Spannung halten.


  • alter Fan • am 2.6.15 um 0:05 Uhr

    bin ebenfalls froh darüber , daß diese Kultserie mittlerweile über 4 Jahrzehnte
    besteht – an den ersten TO damals noch im Westfernsehen und in s/w kann ich mich persönlich noch gut erinnern .
    Im Laufe dieser Zeit haben sich nebenbei viele Facetten aufgetan – da gibt´s halt Ermittlerteams , die einem so mehr oder weniger gefallen .
    Ich plädiere dafür , daß erst wenn meine Fangeneration ausgestorben ist , ernsthaft über die Einstellung dieser Serie nachgedacht wird . Aber was dann ?
    Nur noch AMI Action ?


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