Das Tatort-Jahr 2024 war geprägt von tiefen persönlichen Abgründen, gesellschaftlichen Großthemen und historischen Schatten. Während einige Ermittlerteams Abschied nahmen, bewiesen andere eindrucksvoll ihre Langlebigkeit und Relevanz. Von der Aufarbeitung kirchlicher Verbrechen über die Gefahren der Digitalisierung bis hin zu zeitlosen Familiendramen – die Reihe zeigte erneut ihre ganze Bandbreite.

Abschiede und Neuanfänge

Das Jahr begann mit einem Paukenschlag und endete mit einem leisen Ausklang. Gleich die Neujahrsfolge „Was bleibt“ bedeutete das tragische Ende der Partnerschaft von Thorsten Falke und Julia Grosz, das den Kommissar in eine tiefe Krise stürzte. Auch in Frankfurt ging eine Ära zu Ende: „Es grünt so grün, wenn Frankfurts Berge blüh’n“ markierte den fulminanten, psychothrillerhaften Abschied von Anna Janneke und Paul Brix. In Nürnberg verabschiedete sich Paula Ringelhahn im emotional aufgeladenen Fall „Trotzdem“. Diese Verluste hinterließen Lücken, machten aber auch Platz für neue Dynamiken, wie das eingespielte Duo Faber und Herzog in Dortmund zeigte.

Mut zu düsteren und historischen Themen

Besondere Anerkennung verdienen jene Folgen, die sich an gesellschaftlich brisante und historisch komplexe Stoffe wagten. Der NDR lieferte mit „Schweigen“ einen beklemmenden und auf realen Vorfällen basierenden Krimi über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, der Falkes Solo-Einsatz zu einem der intensivsten des Jahres machte. Nicht weniger ambitioniert war der hr mit „Murot und das 1000-jährige Reich“, der in eine Zeitreise ins Jahr 1944 einlud und die Kontinuitäten des Bösen erforschte. Ebenfalls herausragend war der Berliner Tatort „Am Tag der wandernden Seelen“, der einfühlsam die vietnamesische Community in den Fokus rückte und dabei unaufdringlich deutsche Zeitgeschichte verhandelte.

Festtagsstimmung mit düsterem Unterton

Wie üblich, lieferte die Advents- und Weihnachtszeit stimmungsvolle, aber selten besinnliche Krimis. Zürich überzeugte mit „Fährmann“, einem clever konstruierten Fall, der Isabelle Grandjean mit den Fehlern ihrer eigenen Vergangenheit konfrontierte und mythische Elemente geschickt einwebte. Bremen bot mit „Stille Nacht“ einen klassischen, in ein maritimes Familiendrama eingebetteten Whodunit. Den Ausklang des Jahres bildete schließlich Dortmund mit „Made in China“, einem turbulenten Fall um eine Stahlindustriellen-Familie, der auch die persönlichen Verstrickungen der Ermittler Rosa Herzog weiter vertiefte.

Stärken und Schwächen im gewohnten Rahmen

Viele der etablierten Teams bewegten sich auf solidem, wenn auch nicht immer spektakulärem Niveau. München pendelte zwischen dem solide unterhaltsamen Schrebergarten-Krimi „Unter Gärtnern“ und dem etwas konstruiert wirkenden „Man stirbt nur zweimal“, der dennoch durch die düstere Atmosphäre und die starke Gastdarstellerin überzeugte. Köln behandelte in „Pyramide“ das Thema Finanzbetrug und in „Siebte Etage“ die Welt der Prostitution mit der ihm eigenen Mischung aus Herz und Milieustudie. Kiel wagte sich mit „Borowski und das ewige Meer“ an einen ambitionierten „Near-Future-Thriller“ zum Klimawandel, der in seiner Umsetzung jedoch nicht ganz die angestrebte Tiefe erreichte.

Fazit: Kontinuität in der Krise

Das Tatort-Jahr 2024 bewies vor allem eines: Die Reihe ist ein wandlungsfähiges, resilientes Format, das auch in Zeiten des Umbruchs und persönlicher Verluste für die Ermittler starke Geschichten erzählen kann. Die großen Stärken lagen in den mutigen, gesellschaftspolitischen Stoffen und den einfühlsamen Charakterstudien. Die Schwächen zeigten sich gelegentlich in etwas vorhersehbaren Plots oder überambitionierten Konzepten. Insgesamt gelang es den Machern aber erneut, den schmalen Grat zwischen unterhaltsamem Sonntagskrimi und anspruchsvollem, zeitkritischem Drama zu beschreiten. Auch im nächsten Jahr wird der Tatort daher sicherlich wieder für Gesprächsstoff und spannende Ermittlungsstunden sorgen.