Kurz und knapp – darum geht’s
Unter der Woche ist Siggi Schmidtmüller der nette Konditoreiangestellte aus dem Städtchen Ichtenheim, am Wochenende zieht er in Springerstiefeln mit einer Skinhead-Bande um die Häuser. In der Nacht, in der die Clique einen jüdischen Friedhof schändet, verschwindet sein geistig behinderter Bruder Yogi und beobachtet im Wald einen Mord: Bandenchef Wolf tötet seine Freundin Renate, die ihn wegen des Pizzeriabesitzers Gino verlassen will. Geschickt schiebt Wolf die Schuld dem Nebenbuhler zu, und Hauptkommissarin Vera Bilewski lässt Gino verhaften. Doch bald zweifelt sie an dessen Schuld, während Yogi, der nicht sprechen kann, mit dem Erlebten allein bleibt …
Inhalt der Polizeiruf-110-Folge „Samstags, wenn Krieg ist“
Zwei Leben führt Siggi Schmidtmüller, und kaum etwas verbindet sie: Werktags arbeitet er in einer Konditorei in der Kleinstadt Ichtenheim, ein höflicher junger Mann, wie man ihn sich als Nachbarn wünscht. Auch Renate Kroll ist dort beschäftigt, doch ihre Einladung zu einer Feier beim Italiener Gino schlägt Siggi aus – für diesen Abend hat er schon etwas anderes vor. Denn samstags schnürt er die Springerstiefel und zieht mit einer rechtsextremen Skinhead-Clique um den gewalttätigen Wolf Kleinhaupt los, um sich zu betrinken und Randale zu machen.
Daheim wartet eine Aufgabe, die Siggi zunehmend als Bürde empfindet: sein Bruder Johannes, den alle nur Yogi nennen. Seit einem Unfall ist Yogi geistig schwer behindert und kann nicht sprechen. Siggi mag ihn, fühlt sich durch ihn aber auch eingeengt – immer wieder muss er auf ihn aufpassen, und die Kumpel aus der Clique machen sich ohnehin über den „Bekloppten“ lustig. Um diesen vermeintlichen Makel auszugleichen, legt sich Siggi in der Gruppe besonders ins Zeug.
Und so gehört er in jener Nacht zu den Eifrigsten, als die Bande über den jüdischen Friedhof der Stadt herfällt: Grabsteine werden zerschlagen und besprüht, am Ende lodert ein Feuer in Gestalt eines Hakenkreuzes. Nach einem Abstecher in die Stammkneipe kehrt Siggi heim – und von Yogi fehlt jede Spur. Dabei hätte er ausgerechnet heute auf ihn achtgeben müssen, weil die Eltern nicht da sind. Seine Suche endet in einem Waldstück nahe einer einsam gelegenen Pizzeria. Dort findet er Yogi, völlig aufgelöst, doch was ihn so verstört hat, kann er seinem Bruder nicht vermitteln.
Was Siggi nicht ahnt: Yogi hat in dieser Nacht mitangesehen, wie ein Mensch getötet wurde. Wolf kann nicht hinnehmen, dass Renate sich von ihm trennen will – noch dazu wegen Gino, dem jungen Pizzeriabesitzer. In rasender Wut bringt der Anführer der Skins die junge Frau im Wald um, und Yogi wird Augenzeuge. Wolf droht ihm mit dem Tod, sollte er etwas verraten. Weil Yogi sich kaum mitteilen kann, nimmt der Mörder den Zeugen vorerst allerdings nicht sonderlich ernst.
Stattdessen sorgt er dafür, dass ein anderer in Verdacht gerät, und der Plan geht auf: Im Polizeiruf 110 „Samstags, wenn Krieg ist“ richtet sich der Blick der Polizei schnell auf Gino. Renate wurde zuletzt mit dem Italiener gesehen, für die Tatzeit kann er kein Alibi vorweisen. Auch Siggi hält ihn für den Täter. Hauptkommissarin Vera Bilewski, die zusammen mit ihrem Assistenten Heinz die Ermittlungen übernimmt, lässt Gino festnehmen.
Für die Ermittlerin im SDR-Polizeiruf „Samstags, wenn Krieg ist“ scheint die Sache damit klar – zumindest auf den ersten Blick. Doch schon bald beschleicht sie das Gefühl, den Falschen hinter Gitter gebracht zu haben. Und der einzige Zeuge der Tat kann nicht in Worte fassen, was er gesehen hat …
Hinter den Kulissen
Mit dieser 163. Folge der Reihe gab Angelica Domröse ihren Einstand als Hauptkommissarin Vera Bilewski, insgesamt ermittelte sie in drei Fällen. Die Vorlage lieferte Klaus-Peter Wolf mit seinem gleichnamigen, 1994 erschienenen Roman; das Drehbuch schrieb er, während er noch am Buch arbeitete. Er schlug auch den einstigen DEFA-Star für die Rolle der Kommissarin vor und verfasste die Drehbücher der beiden weiteren Bilewski-Folgen. In den Rollen der Brüder und des Bandenchefs sind Markus Knüfken (Siggi), Felix Eitner (Yogi) und Heino Ferch (Wolf) zu sehen.
Felix Eitner, der später selbst als Ermittler Markus Tellheim im Polizeiruf auftrat, war zur Drehzeit noch Schauspielschüler an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Die Darstellung des stummen Yogi, der sich nur über Blicke, Mimik und Gestik verständigt, fiel ihm leicht, weil er zuvor an der Pariser École de Théâtre Jacques Lecoq Pantomime gelernt hatte. Die Kostüme entwarf Aenne Plaumann, die Bauten stammen von Klaus-Peter Platten. Ichtenheim ist zwar ein fiktiver Ort, Regisseur Roland Suso Richter und SDR-Redakteur Ulrich Bendele wollten aber deutlich machen, dass die Geschichte in einer westdeutschen Kleinstadt spielt.
Seine Premiere feierte der Film am 26. Juni 1994 auf dem Filmfest München. Bei der Erstausstrahlung im Ersten lag die Zuschauerbeteiligung bei 17,1 Prozent. Nach mehreren Wiederholungen, zuletzt am 20. Februar 2002 im SWR, gab der Sender Ende 2006 bekannt, die Folge wegen ihrer missverständlich aufgenommenen Gewaltdarstellung vorerst nicht mehr zu zeigen. Damit ist sie die einzige Polizeiruf-Folge, die über Jahre für das Fernsehen gesperrt war. Erst am 16. Januar 2016 lief sie wieder im SWR.
Besetzung
Hauptkommissarin Vera Bilewski – Angelica Domröse
Heinz, Bilewskis Assistent – Martin Armknecht
Wolf Kleinhaupt, Anführer der Skinheads – Heino Ferch
Siggi Schmidtmüller – Markus Knüfken
Johannes „Yogi“ Schmidtmüller, Siggis Bruder – Felix Eitner
Renate Kroll – Patricia Rapp
Gino Oliveri, Pizzeriabesitzer – Martin Halm
Frau Schmidtmüller – Brigitte Schauder
Herr Schmidtmüller – Michael Hanemann
Gisela Kleinhaupt – Isolde Barth
Wolf-Dietrich Sprenger
Armin Mahal
Thomas Lawincky
Steffen Schroeder
Klaus B. Wolf
Jochen Nickel
Jo Jung
Walter Spiske
René Schoenenberger
Klaus Götte
Alexander May
u. v. a.
Stab
Regie – Roland Suso Richter
Drehbuch – Klaus-Peter Wolf
Musik – Jens Langbein, Robert Schulte-Hemming
Kamera – Hans Grimmelmann
Schnitt – Ursula Fritsche
Produktionsunternehmen – SDR





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