Kurz und knapp – darum geht’s

Ein Sturz vom Gerüst, ein toter polnischer Bauarbeiter – und ein Kommissar, der nicht an einen Unfall glauben mag: Auf einer Großbaustelle im Herzen von Dresden ermittelt Kriminaloberkommissar Thomas Grawe in einer Welt, in der kaum jemand mit der Polizei sprechen will. Die meisten Kollegen des Toten arbeiten schwarz, und auch Vorarbeiter Dittrich, der die billigen Arbeitskräfte für die Baufirma besorgt, hat ein Motiv. Umso eifriger mischt der Reporter Rethmann mit, der von einem Mord überzeugt ist. Immerhin wollte ihm der Tote brisante Informationen verkaufen. Und Stan, der Freund des Opfers, bleibt ebenso verschlossen, denn er hat selbst mehr als genug zu verbergen …

Inhalt der Polizeiruf-110-Folge „Arme Schweine“

Zwischen Barockkulisse und Baugerüsten beginnt im MDR-Polizeiruf „Arme Schweine“ ein Fall, der zunächst gar keiner zu sein scheint: Auf der Baustelle am Dresdner Schloßplatz wird die Leiche des polnischen Arbeiters Kowalski gefunden. Alles spricht dafür, dass der Mann von einem hohen Gerüst in die Tiefe gestürzt ist. Auf den ersten Blick sieht das nach einem tragischen Unglück aus. Kriminaloberkommissar Thomas Grawe, der die Ermittlungen übernimmt, mag sich mit dieser bequemen Erklärung allerdings nicht abfinden.

Bestärkt wird Grawe in seinem Misstrauen ausgerechnet von einem Mann, der eigentlich in einer ganz anderen Branche unterwegs ist: dem Sensationsreporter Rethmann. Für ihn gibt es keinen Zweifel, dass Kowalski ermordet wurde. Der Arbeiter hatte ihm nämlich in Aussicht gestellt, schon bald brisante Informationen zu liefern, natürlich gegen Bezahlung. Dabei sollte es um die Zustände auf der Baustelle oder um die Baufirma SaBau gehen. Mit dem Tod seines Informanten droht dem Journalisten nun die erhoffte Enthüllung durch die Lappen zu gehen, und das ärgert ihn gewaltig.

Tatsächlich gewinnt der Kommissar rasch den Eindruck, dass auf der Baustelle in großem Umfang schwarzgearbeitet wird. Kowalskis Lohnsteuerkarte jedenfalls ist nirgends aufzutreiben. Bei den Kollegen des Toten, Polen, Tschechen und Russen, beißt Grawe auf Granit. Wer ohne Papiere auf dem Gerüst steht, geht der Polizei lieber aus dem Weg, als ihr Fragen zu beantworten. Ein Fundstück wirft zusätzliche Rätsel auf: In Kowalskis Bett entdeckt der Ermittler versteckte Nummernschilder, die zu keinem zugelassenen Fahrzeug gehören.

Auch Stan, der mit dem Toten befreundet war, zeigt dem Kriminalisten die kalte Schulter. Der Pole hat allen Grund, sich bedeckt zu halten, denn nachts zieht er los, um Autos auf Bestellung zu stehlen. Was er auf dem Bau verdient, reicht nicht für seinen großen Plan: Stan will raus aus Deutschland, und dafür braucht er weit mehr, als ein Bauarbeiter beiseitelegen kann. Doch sein Geheimnis ist längst keines mehr. Der tschechische Arbeiter Ragolski weiß von den nächtlichen Beutezügen und setzt Stan unter Druck. Ragolski handelt aus Verzweiflung: Daheim ist sein Kind schwer krank und könnte nur in einer teuren Klinik operiert werden. Die nötigen 10.000 Mark soll ihm Stan beschaffen.

Damit nicht genug: Stan hat sich auf eine Affäre mit Yvonne Hellwig eingelassen, der Chefsekretärin der Baufirma. Pikant daran ist, dass Yvonne mit Bauleiter Hannes Hellwig verheiratet ist – und der hat von dem Verhältnis Wind bekommen. Ins Blickfeld rückt außerdem Dittrich. Der Vorarbeiter ist derjenige, der die ausländischen Arbeitskräfte für das Unternehmen heranschafft und betreut, und auch er hat ein Motiv. Je länger Grawe im TV-Krimi „Arme Schweine“ in diesem Geflecht aus Schweigen, Heimlichkeiten und Angst herumstochert, desto klarer wird ihm, dass auf dieser Baustelle kaum jemand ohne Geheimnis ist …

Hinter den Kulissen

Für Kriminaloberkommissar Thomas Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) ist es der 31. und zugleich vorletzte Fall. Die Folge ist der 159. Film der Reihe. In weiteren Rollen sind unter anderem Ben Becker als Journalist Rethmann, Gottfried John als Bauleiter Hannes Hellwig, Franziska Matthus als dessen Frau Yvonne, Marek Włodarczyk als Stan, Ludger Burmann als Dittrich und Juraj Ďurdiak als Ragolski zu sehen.

Der Film markiert einen Einschnitt in der Geschichte des Polizeirufs. Er war der erste Film der Reihe, der ausgestrahlt wurde, nachdem sie offiziell als Gemeinschaftsprojekt der ARD-Anstalten ORB, MDR, BR, SFB, SDR und WDR sowie des ORF übernommen worden war. Produziert wurde er von der Delp Film- und Fernsehgesellschaft für den MDR. 1996 zeigte der Sender Arte die Folge als ersten Polizeiruf überhaupt, wodurch sie auch in Frankreich zu sehen war. Bei der Erstausstrahlung lag die Zuschauerbeteiligung bei 18,8 Prozent.

Bernd Böhlich schrieb das Drehbuch und führte Regie. Gedreht wurde im Sommer 1993 in Dresden, unter anderem auf der Baustelle des Dresdner Schlosses und auf der des Dorint-Hotels an der Grunaer Straße. Außerdem sind die Semperoper, das Hilton Dresden und die Katholische Hofkirche zu sehen. In einer kleinen Nebenrolle als Hotelportier Krause wirkt Horst Krause mit, der später als Dorfpolizist Horst Krause bis 2014 zum festen Personal der Potsdamer Polizeiruf-Filme gehörte.

Besetzung

Kriminaloberkommissar Thomas Grawe – Andreas Schmidt-Schaller
Kriminalkommissar Rieker – Johannes Hermel
Chef der Kriminalpolizei – Joachim Zschocke
Hannes Hellwig, Bauleiter – Gottfried John
Rethmann, Journalist – Ben Becker
Yvonne Hellwig, Chefsekretärin – Franziska Matthus
Stan, polnischer Arbeiter – Marek Włodarczyk
Dittrich, Vorarbeiter – Ludger Burmann
Frau Seypel – Carmen-Maja Antoni
Steinberg, Zweigstellenleiter – Gunter Schoss
Dr. Former, Firmeninhaber – Dieter Knaup
Krause, Hotelportier – Horst Krause
Ragolski, tschechischer Arbeiter – Juraj Ďurdiak
Woiciech – Tomasz Lulek
Ukrainer – Alexandre Levit
Linda Ragolski – Ljuba Krbová
Kriminaltechnikerin – Elke Brosch
Gerichtsmediziner – Mirko Zschocke
u. v. a.

Stab

Drehbuch – Bernd Böhlich
Regie – Bernd Böhlich
Kamera – Roland Dressel
Schnitt – Brigitte Hujer
Kostüm – Isolde Müller-Claud
Filmbauten – Rose-Marie Halfpap
Musik – Uwe Buschkötter, Mario Lauer
Produktion – Wolfgang Bremke
Produktionsunternehmen – Delp Film- und Fernsehgesellschaft, für MDR