Kurz und knapp – darum geht’s

Ein überschaubarer Auftakt soll es werden: Kriminalrat Oskar überträgt den Münchner Kommissaren Jürgen Tauber und Jo Obermaier, die noch kräftig miteinander fremdeln, einen vermeintlich harmlosen Vermisstenfall. Der Lastwagenfahrer Holger Wennisch ist wie vom Erdboden verschluckt, auf der Isarbrücke liegt nur noch seine Kleidung. Bald stellt sich heraus, dass Wennisch als Schlepper unterwegs war und zwei afrikanische Mädchen über die tschechische Grenze bringen sollte – eine Fahrt, die mit einem tödlichen Unfall endete. Jonah Dibango, der Vater der Kinder, gerät in Verdacht, den Tod seiner Tochter gerächt zu haben. Und während Tauber noch daran zu knabbern hat, dass „Jo“ eine Frau ist, zieht eine Prostituierte, die sich auf alte afrikanische Magie versteht, Wennischs Tochter in ihren Bann …

Inhalt der Polizeiruf-110-Folge „Gelobtes Land“

Es ist eine Fahrt durch die Nacht, die zwei Kindern den Weg in ein neues Leben ebnen soll – und die in einer Katastrophe endet. Im Auftrag des afrikanischen Ingenieurs und Asylbewerbers Jonah Dibango soll Holger Wennisch dessen Töchter Lineo und Thula heimlich aus Tschechien nach Bayern schaffen. In München wartet Dibango auf ein Lebenszeichen, und tatsächlich meldet sich Wennisch kurz: Die Übergabe an der Grenze hat geklappt. Dann reißt der Kontakt ab. Unterwegs glaubt der Fahrer, BGS-Beamte seien ihm auf die Schliche gekommen, und tritt aufs Gas. Der Lieferwagen gerät außer Kontrolle, es kommt zu einem schweren Unfall: Lineo stirbt, von ihrer kleinen Schwester Thula fehlt seither jede Spur.

Auch Wennisch selbst bleibt verschwunden. Ein letztes Mal meldet er sich noch bei seiner hochschwangeren Frau Sarah und Tochter Charlotte, danach verliert sich seine Fährte. Gefunden wird lediglich seine Kleidung auf der Isarbrücke. Hat sich der werdende Vater das Leben genommen? Oder hat er sich kurz vor der Geburt aus dem Staub gemacht? Sarah tappt völlig im Dunkeln. Dass ihr Mann seine Stelle bei der Tiefkühlkost-Firma „Frische aus Bayern“ verloren hat und sich sein Geld inzwischen mit Schleuserfahrten verdient, ahnt sie nicht. Seine häufigen, langen Abwesenheiten hatte sie eher einer Affäre zugeschrieben.

Für Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber beginnt der Fall mit einer handfesten Überraschung. Dass ihm ein neuer Partner zugeteilt wird, wusste er – nicht aber, dass sich hinter „Jo“ eine Josephine verbirgt. Die neue Kriminalhauptkommissarin ist mit dem Automechaniker Tarik Yilmaz verheiratet, Mutter mehrerer Kinder und jongliert mit enormem Elan zwischen Familienalltag und Polizeidienst. Tauber reagiert reichlich verschnupft, und weil es zwischen den beiden spürbar knirscht, überlässt ihnen Kriminalrat Oskar zum Einstand eine Sache, die er für leicht hält. Eine gründliche Fehleinschätzung, wie sich im BR-Polizeiruf „Gelobtes Land“ schon bald herausstellt.

Je genauer das ungleiche Duo Wennischs letzte Wochen rekonstruiert, desto brisanter wird die Angelegenheit. Ehemalige Kollegen erinnern sich an auffällig hohe Kilometerstände auf seinem Fahrzeug, die sie bislang einem defekten Zähler angelastet hatten. Und rätselhaft ist auch, woher das Geld stammt, das weiterhin regelmäßig auf seinem Konto eingeht. Da mit dem Mann auch sein Transporter verschwunden ist, fügt sich nach und nach ein Bild zusammen: Aus dem Vermisstenfall wird im Polizeiruf 110 „Gelobtes Land“ eine Ermittlung im Schleppermilieu – und eine Geschichte über die Not derer, die auf diesem Weg ins Land kommen.

Unterdessen steht bei Sarah ein Mann vor der Tür, mit dem sie nicht gerechnet hat: Jonah Dibango will wissen, was aus seinen beiden Töchtern geworden ist. Die verunsicherte Schwangere und der verzweifelte Vater tun sich zusammen und suchen auf eigene Faust nach Antworten. Doch dann rückt Dibango selbst ins Blickfeld der Ermittler. Hat er sich an Wennisch für den Tod seines Kindes gerächt?

Und als wäre die Lage nicht schon undurchsichtig genug, kommt noch Enuma ins Spiel, eine Prostituierte, die Tauber gut kennt. Sie beherrscht alte afrikanische Magie – und schon bald gerät auch Charlotte Wennisch in ihren Bann …

Hinter den Kulissen

Mit „Gelobtes Land“ beginnt beim Münchner Polizeiruf 110 eine neue Konstellation: Jo Obermaier (Michaela May) ermittelt hier zum ersten Mal, an der Seite von Jürgen Tauber (Edgar Selge), für den es bereits der vierte Fall ist. Obermaier tritt die Nachfolge der Polizeipsychologin Silvia Jansen an, die zuvor von Gaby Dohm gespielt worden war.

Die 224. Folge der Krimireihe entstand nach einem Drehbuch von Christian Jeltsch, Regie führte Peter Patzak, der auch die Musik beisteuerte. Gedreht wurde ab dem 4. Mai 2000 in München und Umgebung, produziert hat Infafilm im Auftrag des BR. Noch vor der Fernsehpremiere wurde der Film am 26. Oktober 2000 bei den Internationalen Hofer Filmtagen gezeigt.

Bei der Erstausstrahlung sahen 6,57 Millionen Zuschauer zu, das entsprach einem Marktanteil von 17,9 Prozent; nach der Tagesschau war es die meistgesehene Sendung des Tages. 2001 wurde der Krimi für den Adolf-Grimme-Preis nominiert, am 26. Mai desselben Jahres erhielt er den 1. Marler Fernsehpreis für Menschenrechte von Amnesty International.

Besetzung

Kriminalhauptkommissarin Jo Obermaier – Michaela May
Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber – Edgar Selge
Jonah Dibango, Ingenieur und Asylbewerber – Aloysius Itoka
Enuma, Prostituierte – Joana Adu-Gyamfi
Sarah Wennisch, Holgers Frau – Aglaia Szyszkowitz
Holger Wennisch, Lastwagenfahrer – Andreas Patton
Franz-Josef Wolff – Heikko Deutschmann
Victor Friedmann – Arthur Brauss
Polizeiarzt – Max Tidof
Richter – Herb Andress
Tarik Yilmaz, Obermaiers Ehemann – Tayfun Bademsoy
Krankenschwester – Lulu Bail
Kriminalrat Oskar – Gregor Bloéb
Verteidiger – Fritz von Friedl
Schutzpolizist – Dietmar Mössmer
Alfred Fritsch – Peter Rappenglück
BGS-Beamter – Johann Schuler
Dr. Silke Satinger – Franziska Walser
Thula Dibango, Jonahs Tochter – Rebecca Camara
Lineo Dibango, Jonahs Tochter – Safiya Camara
Charlotte Wennisch, Holgers Tochter – Miriam Fraunhofer
Charlotte Wennisch, Holgers Tochter – Sabrina Fraunhofer
Christine Bronski – Natalie Spinell
Kevin Yilmaz – Vincent Waas
u. v. a.

Stab

Regie – Peter Patzak
Drehbuch – Christian Jeltsch
Produktion – Tita Korytowski
Musik – Peter Patzak
Kamera – Andreas Köfer
Schnitt – Jacqueline von Brueck
Kostüm – Monika Brühne
Bauten – German Pizzinini
Produktionsunternehmen – Infafilm, im Auftrag des BR