Kurz und knapp – darum geht’s

Ein herabhängender Telefonhörer will Kriminaloberkommissar Thomas Grawe nicht mehr aus dem Kopf gehen. Er ist ihm in der Wohnung aufgefallen, in der der siebenjährige Tobias Sello tot aufgefunden wurde. Gemeinsam mit Kriminalhauptkommissar Günter Beck stößt Grawe auf eine zerrüttete Familie: Die Eltern wollen sich scheiden lassen, und der feinfühlige Junge hat still darunter gelitten. Vieles spricht für einen Selbstmord, doch so recht mögen die beiden Kriminalisten nicht daran glauben. Dann zeigt sich, dass auch andere Kinder in Marzahn von einem Unbekannten angerufen und unter Druck gesetzt werden. Den Ermittlern bleibt kaum mehr als eine Stimme am Telefon, und der Mann, dem sie gehört, verbirgt sich unter Zehntausenden Einwohnern …

Inhalt der Polizeiruf-110-Folge „Mit dem Anruf kommt der Tod“

Für den siebenjährigen Tobias Sello ist das eigene Zuhause längst kein unbeschwerter Ort mehr: Seine Eltern wollen sich scheiden lassen. Die Mutter möchte das so lange wie möglich vor ihm verbergen, doch der sensible Junge hat die Trennungspläne längst mitbekommen und sich mehrfach bei seinem Vater ausgeweint. Eines Tages entlädt sich der Kummer in der Schule. Tobias wirft seine Pausenbrote auf den Hof, stößt eine Schulfreundin grob von sich und entgeht nur knapp einem Tadel. Am Nachmittag finden ihn die Eltern tot in der Wohnung. Der Telefonhörer ist nicht aufgelegt, und nicht weit von dem Kind steht eine Schüssel voller Wasser, in der das abmontierte Kabel eines Rasierapparats hängt.

Alles deutet auf einen Selbstmord durch Stromschlag hin. Kriminalhauptkommissar Günter Beck und Kriminaloberkommissar Thomas Grawe halten das bei einem Kind dieses Alters zwar für kaum vorstellbar, eine andere Erklärung finden sie aber nicht. Erst nach langem Schweigen rücken die Eltern mit ihren Trennungsabsichten heraus, und Vater Sello hält seiner Frau vor, den Jungen viel zu streng erzogen zu haben. Wer Tobias kannte, traut dem ängstlichen Kind einen solchen Schritt nicht zu. Mit ihm telefoniert haben will an jenem Tag niemand – und doch hat sich bei Grawe ausgerechnet das Bild des baumelnden Hörers festgesetzt.

Eines Tages fällt einer Grundschullehrerin auf, wie verschreckt und teilnahmslos die kleine Anja Ruschin wirkt. Im Gespräch kommt heraus, dass ein Mann das Mädchen angerufen und aufgefordert hat, sich auszuziehen. Andernfalls, so drohte er, bekämen ihre Eltern Schwierigkeiten. Anja legte schnell auf, brachte es aus Scham aber nicht über sich, ihren Eltern davon zu erzählen. Für die Kripo ist die Masche nicht neu: Ein anonymer Anrufer hat eine Zeit lang Frauen am Telefon belästigt. Jetzt ruft er bei Kindern an.

Wie skrupellos er dabei vorgeht, erfährt Susanne Neuhaus. Mit der Drohung, ihre Eltern müssten sonst eine hohe Geldstrafe zahlen, drängt er das Mädchen, ihren kleinen Bruder Enrico aus dem Fenster zu stoßen. Weil beide Kinder lange zögern, bleibt wachsamen Anwohnern gerade genug Zeit, ein improvisiertes Sprungtuch aufzuspannen und den Jungen aufzufangen. Enrico wird ins Krankenhaus gebracht. Durch Susannes Beschreibung wissen die Ermittler im Polizeiruf 110 „Mit dem Anruf kommt der Tod“ nun immerhin, dass der Mann jung ist – und der Tod von Tobias Sello erscheint plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Doch wie spürt man in einem Stadtbezirk mit Zehntausenden Einwohnern jemanden auf, von dem man kaum mehr kennt als seine Stimme? Einen Anhaltspunkt liefern die früheren Belästigungen: Damals bestellte der Anrufer die Frauen stets in dieselbe Straße in Berlin-Marzahn, wo angeblich ein Gewinn für sie bereitlag. Beck und Grawe haben eine Theorie. Der Unbekannte wählte eine Straße, die er von seiner Wohnung aus überblicken konnte, um sich daran zu weiden, wie seine Opfer vergeblich warteten. Also wird die Gegend unter Beobachtung gestellt, und Zivilfahnder fotografieren junge Leute, die in Telefonzellen telefonieren. Ein zähes Geduldsspiel beginnt im DFF-Polizeiruf „Mit dem Anruf kommt der Tod“ – doch während die Fahnder Gesichter sammeln, wählt der Täter längst die nächste Nummer …

Hinter den Kulissen

Für Kriminalhauptkommissar Günter Beck (Günter Naumann) ist es der sechste Fall, für Kriminaloberkommissar Thomas Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) bereits der 29. Insgesamt handelt es sich um die 151. Folge der Reihe. Drehbuch und Regie stammen von Thomas Jacob, der außerdem in einer kleinen Rolle als Arzt am Tatort zu sehen ist.

Der Film beruht auf einem authentischen Kriminalfall, dem des sogenannten „Telefonmörders von Marzahn“. In den Jahren 1986 und 1987 gab sich der echte Täter vorwiegend in Berlin-Marzahn am Telefon als Mitarbeiter der Fernsehgesellschaft Urania aus und behauptete, wissenschaftliche Experimente durchzuführen. So brachte er Kinder zu potenziell tödlichen Handlungen sowie Kinder und Frauen zu sexuellen Handlungen. Im Frühjahr 1988 wurde er unter anderem wegen versuchten Mordes in fünf Fällen zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die er nach der deutschen Einheit jedoch nicht vollständig verbüßen musste.

Gedreht wurde vom 4. März bis zum 17. April 1991 in Berlin, überwiegend in den Stadtteilen Johannisthal, Marzahn, Neukölln und Weißensee. Die Kostüme entwarf Sabine Anders, die Filmbauten stammen von Dietrich Singer. Bei der Erstausstrahlung im DFF lag die Zuschauerbeteiligung bei 14 Prozent.

Besetzung

Kriminalhauptkommissar Günter Beck – Günter Naumann
Kriminaloberkommissar Thomas Grawe – Andreas Schmidt-Schaller
Kriminalrat Böhme – Werner Tietze
Holger Lebrecht – Jörg Schüttauf
Tobias Sello – Peter Senkel
Susanne Neuhaus – Doreen Jordan
Enrico Neuhaus – Kai Neugebauer
Anja Ruschin – Nancy Hoehnow
Sebastian Rietschel – Ingolf Böttcher
Manuela Seidel – Tanja Borchert
Marco Bamberg – Jan Remus
Frau Sello – Heidrun Welskop
Herr Sello – Jörg Panknin
Frau Neuhaus – Angelika Ritter
Herr Neuhaus – Michael Engel
Frau Ruschin – Janina Hartwig
Herr Ruschin – Tim Hoffmann
Frau Rietschel – Karin Düwel
Frau Lebrecht – Annelise Matschulat
Kriminalstellenleiter Lehmbruck – Helmut Schellhardt
Kriminalist Lohde – Gerald Schaale
Frau Hut – Petra Dobbertin
Herr Hut – Ralph Sählbrandt
Herr Neumann – Ortwin Spieler
Erna – Ulrike Hanke-Hänsch
Hucke – Bodo Krämer
Kanne – Uwe Teufer
Kriminaltechniker – Holger Franke
Zivilfahnder Habicht – Volker Herold
Zivilfahnderin Kondor – Ursula Spangenberg
Zivilfahnder – Frank-Burkhard Habel
Zivilfahnder – Michael Peter
Zivilfahnderin – Heidemarie Fabian
Zivilfahnder im Fahndungswagen – Knut Schultheiß
Zivilfahnder im Zelt – Guido Mauersberger
Zivilfahnder – Ralf Jens
Zivilfahnder bei der Telekom – Volkmar Witt
Zivilfahnder im Renault – Heini Müller
Zivilfahnder – Lutz Päthke
Sachverständiger – Klaus Hecke
Streifenpolizist – Hans-Joachim Brieske
Chef der Firma – Klaus-Jürgen Steinmann
Prostituierte – Andrea Kathrin Loewig
Dame im Fenster – Ilse Nürnberg
Kassiererin – Elke Winter
Meister – Edmund Raatz
Mädchen in der Disko – Anne Moll
Arzt am Tatort – Thomas Jacob
Wachtmeister – Manfred Schulz
Lehrer – Peter Mohrdieck
Lehrerin – Rita Feldmeier
Mitarbeiter Telekom – Michael Kinkel
Bauarbeiter – Hans-Jürgen Pabst
u. v. a.

Stab

Drehbuch – Thomas Jacob
Regie – Thomas Jacob
Kamera – Walter Laaß
Schnitt – Brigitte Hujer
Musik – Arnold Fritzsch
Kostüm – Sabine Anders
Filmbauten – Dietrich Singer
Produktion – Alexander Martens, Tatjana Pagels
Produktionsunternehmen – DFF

Bild: HR / DRA / Matthias Krüger