Kurz und knapp – darum geht’s

Fünfzehn Jahre lang galt Max Kramer als verschollen, nun bringt ein Baggerfund an der Ostseeküste traurige Gewissheit: Das Skelett aus dem Achterwasser gehört zu dem einstigen Fernfahrer. Für seine Mutter steht seit jeher fest, wer ihn auf dem Gewissen hat, nämlich ihre Schwiegertochter Lucie. Hauptmann Günter Beck und die junge Leutnant Ikser hatten mit den damaligen Ermittlungen nichts zu tun. Sie rollen den Fall neu auf und treffen auf eine Frau, die ihr Leben längst in geordnete Bahnen gelenkt hat. Je mehr Belastendes Beck zusammenträgt, desto klarer erkennt er, welche Hölle Lucie an der Seite ihres prügelnden, trinkenden Mannes erlebt hat. Sein Verständnis für sie wächst – und mit ihm der Zweifel, wem die Wahrheit hier eigentlich noch dient …

Inhalt der Polizeiruf-110-Folge „Der Wahrheit verpflichtet“

Still und weit liegt das Achterwasser an der Ostseeküste da, bis bei Aushubarbeiten ein menschliches Skelett zum Vorschein kommt. Für Oma Kramer gibt es keinen Zweifel: Die Knochen stammen von ihrem Sohn Max, der vor 15 Jahren spurlos verschwand. Und sie weiß auch, wem sie die Schuld daran gibt, nämlich Max’ Ehefrau Lucie. Diesen Vorwurf hat die alte Frau schon damals erhoben. Die Ermittlungen verliefen trotzdem im Sande, nicht zuletzt, weil es keine Leiche gab.

Mit dem Fund hat sich die Lage im Polizeiruf 110 „Der Wahrheit verpflichtet“ grundlegend geändert. Der Fall geht an Hauptmann Günter Beck und Leutnant Ikser. Beide hatten mit der alten Akte nichts zu tun und sollen deshalb unvoreingenommen an die Sache herangehen. Was sich aus den Unterlagen rekonstruieren lässt, ergibt ein düsteres Bild: Max und Lucie tranken beide, und die Fürsorge war häufig zu Gast. Trotzdem kümmerte sich Lucie um den achtjährigen Sohn und die vierjährige Tochter. Max dagegen schlug Frau und Kinder und konnte am Ende nicht mehr als Fernfahrer arbeiten. Halt fand er vor allem bei seiner Mutter. Über Lucie zerriss sich das Dorf das Maul, ihr wurden etliche Affären nachgesagt. Kurz vor seinem Verschwinden gerieten die Eheleute heftig aneinander. Max kam für einige Tage bei seinen Eltern unter, zuletzt sah ihn sein Saufkumpan Pieske in der Kreisstadt.

Umso größer ist die Überraschung, als die Ermittler Lucie Kramer heute gegenüberstehen. Aus der Trinkerin von einst ist eine Frau geworden, die im Fischereibetrieb Verantwortung trägt, ordentlich verdient und in einem mit viel Mühe hergerichteten Haus wohnt. Dem Alkohol hat sie schon lange abgeschworen, und mit Kurt Schüßler hat sie einen neuen Partner an ihrer Seite. Vor allem Tochter Ilka reagiert gereizt, als die Polizei bei ihrer Mutter auftaucht. An das Getuschel im Dorf hat sich die Familie längst gewöhnt. Die neuen Ermittlungen aber könnten alles gefährden, was sie sich aufgebaut hat.

Durch die Familie Kramer verläuft ein tiefer Graben. Oma Kramer kann es kaum erwarten, ihre Schwiegertochter hinter Gittern zu sehen, und daraus macht sie keinen Hehl. Ihr Mann dagegen stellt sich wie schon vor 15 Jahren entschieden vor Lucie. Er hatte bereits damals erkannt, dass sein Sohn zu einem brutalen Säufer verkommen war.

Neue Erkenntnisse sind rar. Bei den Pieskes, die noch immer dem Alkohol verfallen sind, erfahren die Ermittler allerdings Erstaunliches: Max hatte kurz vor seinem Verschwinden im Lotto gewonnen und tauchte mit 6.000 Mark in der Tasche bei ihnen auf. Das wäre ein handfestes Motiv. Von Lucie selbst bekommt Ikser zu hören, was den letzten Ehekrach ausgelöst hat: Max erwischte seine Frau damals mit Kurt Schüßler im Bett. Damit rückt auch Schüßler ins Blickfeld der Kriminalisten.

Während die Indizien gegen Lucie im TV-Krimi „Der Wahrheit verpflichtet“ immer schwerer wiegen, wächst in Beck etwas, das in keiner Dienstvorschrift steht: Verständnis. In den Gesprächen mit ihr ahnt er, was diese Frau jahrelang an der Seite eines prügelnden Trinkers ertragen musste. Doch der Hauptmann hat einen klaren Auftrag, und der lautet, den Tod von Max Kramer aufzuklären und den Täter zu überführen. Immer drängender stellt sich ihm deshalb die Frage, wem es nach all den Jahren überhaupt noch nützt, die Wahrheit ans Licht zu holen …

Hinter den Kulissen

„Der Wahrheit verpflichtet“ ist die 132. Folge der Reihe Polizeiruf 110. Für Hauptmann Günter Beck (Günter Naumann) ist es der zweite Fall, ebenso für seinen Vorgesetzten Major Jäger (Werner Godemann). Leutnant Ikser (Anne Kasprik) dagegen ermittelt nur dieses eine Mal an Becks Seite. Lucie Kramer wird von Renate Geißler gespielt. Zwei Darsteller übernehmen Doppelrollen: Götz Schubert verkörpert Jens Kramer und Max Kramer, Kerstin Kleinert spielt Ilka Kramer und die junge Lucie.

Regie führte Hans-Joachim Kasprzik, das Drehbuch schrieb Ulrich Waldner. Der Arbeitstitel des Films lautete „Cui bono“. Die DEFA produzierte im Auftrag des Fernsehens der DDR. Gedreht wurde vom 24. Januar bis 10. April 1989 in Rostock und Umgebung, auf der Insel Hiddensee, auf dem Darß und Fischland sowie in Barth. Die Kostüme entwarfen Ruth Kiecker und Hans Linke, die Filmbauten stammen von Georg Kranz.

Bei der Erstausstrahlung lag die Zuschauerbeteiligung bei 39,9 Prozent.

Besetzung

Hauptmann Günter Beck – Günter Naumann
Leutnant Ikser – Anne Kasprik
Lucie Kramer – Renate Geißler
Jens Kramer / Max Kramer – Götz Schubert
Ilka Kramer / junge Lucie – Kerstin Kleinert
Opa Kramer – Martin Trettau
Oma Kramer – Marga Legal
Major Jäger – Werner Godemann
Staatsanwalt – Gerd Staiger
Rosi Pieske – Carmen-Maja Antoni
Sigbert Pieske – Arno Wyzniewski
Kurt Schüßler – Horst Manz
Herr Wolf – Werner Dissel
Frau Wolf – Anita Herbst
Ewald Strupps – Dieter Knust
Gastwirt – Willi Neuenhahn
Gastwirtin – Karin Beewen
Biologe – Manfred Gorr
Kriminaltechniker – Bernhardt Geffke
Gerichtsmediziner – Hans Jochen Röhrig
Petra – Maxi Biewer
1. Arbeiter – Thomas Dehler
2. Arbeiter – Uwe Bertram
FPG-Mitarbeiter – Georg Haufler
Sekretärin – Theresia Wider
u. v. a.

Stab

Regie – Hans-Joachim Kasprzik
Drehbuch – Ulrich Waldner
Produktion – Harald Andreas
Musik – Karl-Ernst Sasse
Kamera – Hans-Jürgen Sasse
Schnitt – Thea Richter
Kostüm – Ruth Kiecker, Hans Linke
Filmbauten – Georg Kranz
Produktionsunternehmen – DEFA im Auftrag des Fernsehens der DDR

Bild rbb / DRA / Rüdiger Pelikan