Kurz und knapp – darum geht’s

Zehntausend Mark sind wie vom Erdboden verschluckt: Eine Wertsendung, die ordnungsgemäß in Neuendorf auf den Weg gebracht wurde, ist im kleinen Postamt Grünstedt nie angekommen. Hauptmann Peter Fuchs und Leutnant Berger nehmen die Belegschaft unter die Lupe, und schon bald richtet sich der Verdacht gegen mehrere Kollegen – nur nicht gegen den, der das Geld tatsächlich an sich genommen hat. Der junge Sven Seidel, künstlerisch begabt, aber auf Wunsch seines Vaters in den Postdienst gedrängt, ist einer plötzlichen Versuchung erlegen. Von Gewissensbissen zermürbt, vertraut er sich seinen Eltern an. Doch statt den Sohn zur Polizei zu schicken, will Vater Wolfgang die Sache aus der Welt schaffen – und nimmt dafür in Kauf, dass ein Unschuldiger ins Visier gerät …

Inhalt der Polizeiruf-110-Folge „Verlockung“

In der Familie Seidel ist der Lebensweg vorgezeichnet: Schon der Großvater stand im Dienst der Post, und Wolfgang Seidel, heute Leiter des Post- und Fernmeldeamts Potsdam, hat dafür gesorgt, dass auch sein Sohn Sven diese Tradition fortführt. Dabei schlägt Svens Herz für etwas ganz anderes. In seiner Freizeit formt er Figuren aus Ton und würde am liebsten an der Kunsthochschule studieren. Für den Vater ist das alles bloß „Puppenkram“. Im Postamt Grünstedt, wo Sven arbeitet, kommt er häufig zu spät, zeigt wenig Interesse an seinen Aufgaben und wird von den Kollegen kaum ernst genommen.

Viel lieber beobachtet er die Postangestellte Monika, in die er sich verliebt hat. Doch für sie ist der stille junge Mann zu langweilig – sie tut sich stattdessen mit dem vorbestraften Fahrer Ebert zusammen. Rückhalt findet Sven bei seiner Mutter Elke, der er anvertraut, dass Monika sich einen Mann wünsche, der etwas wagt. Ihr Rat, er solle eben etwas riskieren, ist gut gemeint, kommt bei ihm aber völlig anders an. Ein zweiter Verbündeter ist ausgerechnet Gerhard Frohberger, der Leiter des Postamts: Er glaubt an Svens Talent und regt sogar an, im Betrieb einen Keramikzirkel zu gründen.

Dann ist plötzlich eine Wertsendung über 10.000 Mark verschwunden. Frohberger mag nicht glauben, dass jemand aus seiner Mannschaft dahintersteckt, und hält das Ganze für ein Versehen. Die Kripo sieht das anders. Im Polizeiruf 110 „Verlockung“ lassen Hauptmann Fuchs und Leutnant Berger den Ablauf jenes Tages Schritt für Schritt nachstellen – und stoßen auf manche Nachlässigkeit: Minutenlang stand die Post unbeachtet auf der Laderampe, und während der Bearbeitung haben sowohl Sven als auch sein älterer Kollege Hugo Zander zwischendurch den Raum verlassen. Selbst die im Müll gefundene Plombe bringt die Ermittler nicht weiter.

Was die Kriminalisten nicht wissen: Sven hat die Gelegenheit genutzt, weil er sich unbedingt einen Brennofen für seine Tonfiguren kaufen wollte. Die Ironie des Schicksals will es, dass Frohberger ihm kurz darauf einen eigenen Ofen schenkt. An das Geld kommt Sven nicht mehr ohne Weiteres heran, und während im Amt das Misstrauen unter den Kollegen wächst, nagt an ihm das schlechte Gewissen. Schließlich offenbart er sich seiner Mutter.

Bald ist auch der Vater eingeweiht – und Wolfgang Seidel ist entsetzt. Aus Liebe zu seinem Sohn, aber auch aus Sorge um den guten Namen der Familie, verspricht er, alles in Ordnung zu bringen. Dafür nutzt er im DDR-Fernsehkrimi „Verlockung“ seine dienstliche Stellung aus und nimmt bewusst in Kauf, dass ein anderer als Täter dastehen könnte. Doch der Plan des Oberrats setzt etwas in Gang, das keiner der Seidels mehr in der Hand hat …

Hinter den Kulissen

Mit „Verlockung“ feierte die Krimireihe Polizeiruf 110 ihre 100. Folge. Für Hauptmann Peter Fuchs (Peter Borgelt) war es bereits der 58. Fall, unterstützt wird er von Leutnant Berger (Holm Gärtner). Im Mittelpunkt der Geschichte steht jedoch die Familie Seidel: Jörg Witte spielt den jungen Postangestellten Sven, Volkmar Kleinert und Gudrun Ritter verkörpern seine Eltern Wolfgang und Elke Seidel. Dietrich Körner ist als Postamtsleiter Gerhard Frohberger zu sehen.

Regie führte Gunter Friedrich, das Drehbuch schrieb Manfred Hoffmann; produziert wurde der Film vom Fernsehen der DDR. Gedreht wurde vom 15. Oktober bis zum 15. Dezember 1984, unter anderem in Berlin-Köpenick und Umgebung, in Potsdam, Hennigsdorf, Velten und Königs Wusterhausen. Die Kostüme entwarf Karin Pas, die Filmbauten stammen von Reinhard Wiegand.

Bei der Erstausstrahlung lag die Zuschauerbeteiligung bei 58,8 Prozent.

Besetzung

Hauptmann Peter Fuchs – Peter Borgelt
Leutnant Berger – Holm Gärtner
Sven Seidel, Postangestellter – Jörg Witte
Wolfgang Seidel, Leiter des Post- und Fernmeldeamts Potsdam – Volkmar Kleinert
Elke Seidel, Svens Mutter – Gudrun Ritter
Gerhard Frohberger, Leiter des Postamts Grünstedt – Dietrich Körner
Hugo Zander – Walter Lendrich
Lothar Ebert, Fahrer – Hartmut Schreier
Monika Reuter, Postangestellte – Sabine Unger
Erika Münch – Karin Weser
Kiwi Münch – Reiner Heise
Egon Richter – Eckhart Strehle
Autoschlosser Pawlik – Roland Hemmo
Sekretärin der K – Brigitte Beier
Krankenschwester – Edeltraud Billing
Sekretärin von Oberrat Seidel – Renate Heymer
Telefonistin beim Postamt Neuendorf – Bärbel Lempert
Angestellte beim Postamt Grünstedt – Sabine Scharf
Postbote – Dietmar Durand
Hausmeister beim Postamt Grünstedt – Werner Kamenik
Kriminaltechniker – Thomas Kästner
Oberarzt im Krankenhaus – Werner Kos
Kellner im Gasthaus Die Spindel – Mathias Kunze
Amtsleiter in Neuendorf – Andreas Schmidt-Schaller
Leiter der Abfertigung in Neuendorf – Andreas Schumann
u. v. a.

Stab

Regie – Gunter Friedrich
Drehbuch – Manfred Hoffmann
Produktion – Gabriele Rötger
Musik – Bernd Wefelmeyer
Kamera – Horst Klewe
Schnitt – Gerti Gruner
Kostüm – Karin Pas
Filmbauten – Reinhard Wiegand
Produktionsunternehmen – Fernsehen der DDR

Bild MDR / rbb / DRA / Christina Becke