Kurz und knapp – darum geht’s

Ein Schuss in der Nacht erschüttert das Leben der Frankfurter High Society: Bankier Henning Wentz wird erschossen in seiner Villa aufgefunden. Als Hauptkommissar Brinkmann und sein Assistent Wegener die Ermittlungen aufnehmen, stoßen sie auf ein Beziehungsdrama – Wentz hatte seine Ehefrau für einen Mann verlassen und zuvor bereits eine andere homosexuelle Beziehung beendet. Ein mysteriöser Notizzettel beim Opfer gibt den Ermittlern Rätsel auf. Als die Zusammenhänge zwischen dem Mordopfer und einem großen Wirtschaftsunternehmen immer deutlicher werden, gerät die verlassene Ehefrau plötzlich selbst in höchste Gefahr…

Inhalt der Tatort-Folge „Mauer des Schweigens“

Im fahlen Licht einer späten Herbstnacht wartet Stefan Gruber mit einer geöffneten Champagnerflasche in der luxuriösen Villa seines Geliebten. Das sanfte Ticken der antiken Standuhr mischt sich mit dem leisen Rauschen des Regens, der gegen die Fensterscheiben prasselt. Doch statt romantischer Stunden findet Gruber seinen Partner Henning Wentz mit einer tödlichen Schusswunde im Hausflur vor. Panisch flieht er in die Nacht, ohne die Polizei zu alarmieren.

Hauptkommissar Brinkmann ist ein Mann der alten Schule – wortkarg, methodisch, mit einem untrüglichen Gespür für die dunklen Seiten der menschlichen Natur. Sein Assistent Robert Wegener bildet dazu den perfekten Kontrast: energisch, impulsiv und manchmal zu schnell mit Verdächtigungen. Die beiden Ermittler finden sich am nächsten Morgen in der prächtig ausgestatteten Villa des Bankiers wieder, nachdem die Haushälterin die Leiche entdeckt hat. „Er war nicht der Typ, der Feinde hat“, behauptet sie unter Tränen, während die Spurensicherung akribisch arbeitet.

Im Mantel des Toten entdecken die Beamten einen zerknüllten Zettel mit kryptischen Notizen. Was zunächst wie wirre Aufzeichnungen wirkt, entpuppt sich für Brinkmann als ein wichtiger Hinweis – ein Puzzle, dessen Teile erst noch zusammengesetzt werden müssen.

Die Ermittlungswege führen durch das nächtliche Frankfurt, dessen Skyline wie eine steinerne Kulisse über den verworrenen menschlichen Beziehungen thront. Im schummrigen Licht des „Ballroom“, einer Szenekneipe, begegnen die Ermittler Frank Mosbach, dem Inhaber des Lokals, und dessen Freund Linn Tenhoven, einem Sänger. Die Spannung im Raum ist greifbar, als Brinkmann vom Tod des Bankiers berichtet – Mosbachs Gesicht erstarrt, sein Kinn fällt herunter. Die Neonlichter des Lokals spiegeln sich in seinen weit aufgerissenen Augen. Hatte er doch etwas mit dem Mord zu tun?

Während die Ermittler durch die Schatten der nächtlichen Stadt streifen, verdichtet sich das Beziehungsgeflecht um das Opfer zu einem undurchdringlichen Netz. Die verlassene Ehefrau Claudia Wentz steht im Fokus – eine erfolgreiche Architektin, die an einem Großprojekt arbeitet. In ihrem minimalistisch eingerichteten Büro mit Blick auf die Frankfurter Bankentürme wirkt sie gefasst, fast zu gefasst. „Wir haben uns auseinandergelebt“, erklärt sie mit brüchiger Stimme, während Brinkmann ihr stoisches Gesicht studiert. Hat sie aus Rache gehandelt?

Der Firmenchef Matthias Gutzkow, ein langjähriger Freund der Familie, steht Claudia in diesen schweren Stunden zur Seite. In seinem edlen Büro der Firma Westpharm erklärt er den Kommissaren mit schneidender Stimme: „Ihre Verdächtigungen sind geschmacklos. Diese Frau hat genug durchgemacht.“ Die Ermittlungen gleichen dem Versuch, durch eine Mauer des Schweigens zu blicken – jeder der Beteiligten scheint ein Geheimnis zu hüten.

Die Jagd nach der Wahrheit führt Brinkmann und Wegener durch ein immer verwirrenderes Labyrinth aus Geheimnissen. Die nächtlichen Straßen Frankfurts scheinen die Wahrheit zu verschlucken wie ein schwarzes Loch. Je tiefer die Ermittler in den Fall eintauchen, desto komplexer wird das Geflecht aus persönlichen und wirtschaftlichen Interessen. Für Claudia Wentz beginnt ein Albtraum, aus dem es vielleicht kein Erwachen gibt…

Hinter den Kulissen

Der Tatort „Mauer des Schweigens“ ist der 26. Fall für den Frankfurter Ermittler Edgar Brinkmann, verkörpert durch Karl-Heinz von Hassel. Die vom Hessischen Rundfunk (HR) produzierte 455. Tatort-Folge wurde in Frankfurt und Umgebung gedreht und am 24. September 2000 zum ersten Mal im Programm Das Erste ausgestrahlt.

Die Regie führte Sylvia Hoffmann, die sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete. An der Seite von Karl-Heinz von Hassel als Hauptkommissar Edgar Brinkmann ermittelte Günter Waidacher als Assistent Robert Wegener. Eine besondere Besetzung war der bekannte Schauspieler und Moderator Ilja Richter in der Rolle des Frank Mosbach, dem Besitzer des „Ballroom“.

Die Erstausstrahlung von „Mauer des Schweigens“ erreichte beachtliche 6,02 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 17,03 Prozent entsprach. Bemerkenswert ist, dass dieser Tatort für die frühen 2000er Jahre ein für das deutsche Fernsehen noch recht ungewöhnliches Thema in den Mittelpunkt stellte: Homosexualität und die damit verbundenen gesellschaftlichen Konflikte.

Die Kritiken zur Folge fielen gemischt aus. Während einige Rezensenten die mutige Thematik und die Darstellung von Karl-Heinz von Hassel lobten, bemängelten andere den eher konventionellen Erzählstil. Eingefleischte Brinkmann-Fans wurden jedoch nicht enttäuscht und schätzten die gewohnt solide Ermittlungsarbeit ihres Frankfurter Kommissars.

Besetzung

Günter Waidacher (Robert Wegener) · Marie-Lou Sellem (Claudia Wentz) · Helmut Zierl (Matthias Gutzkow) · Ilja Richter (Frank Mosbach) · Holger Daemgen (Linn Tenhoven) · Martin Armknecht (Stefan Gruber) · Monica Bleibtreu (Herta Wingert) · Dieter Kirchlechner (Heinz Wingert) · Thomas Huber · Uwe-Karsten Koch · Frank Behnke · Erika Skrotzki · Susanne Seidler · Uwe Koschel · Bernd Rademacher

Stab

Regie – Sylvia Hoffman
Buch – Sylvia Hoffman
Kamera – Jürgen Heimlich
Schnitt – Beate Gottschall
Musik – Enjott Schneider
Produktion – HR