Kurz und knapp – darum geht’s

In der beschaulichen Münchner Au wird eine Frau kopfüber in ihrem eigenen Aquarium tot aufgefunden – erschlagen mit einem Schürhaken. Schnell verdichten sich die Hinweise, dass ein geheimnisvoller „Fremdwohner“, ein Mensch, der heimlich in fremden Wohnungen lebt, Zeuge des grausamen Verbrechens geworden sein könnte. Als die Ermittler Batic und Leitmayr diesem mysteriösen Phantom auf die Spur kommen, stoßen sie auf ein komplexes Netz aus Erpressung, Testamentsfälschung und Rache – und geraten dabei selbst in tödliche Gefahr.

Inhalt der Tatort-Folge „Der Fremdwohner“

Über den Dächern der Münchner Au zieht ein herbstlicher Nebel auf, während Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr Umzugskartons in seine neue Wohnung schleppt. Die Ruhe des beschaulichen Viertels, in dem man „noch jeden Nachbarn kennt“, wird jäh durchbrochen: Im selben Haus liegt Veronika Burger tot in ihrer Wohnung – wie arrangiert, mit dem Kopf im Aquarium, während die exotischen Fische gleichgültig um sie herumschwimmen.

„Der Tod ist nie zufällig“, murmelt Ivo Batic, der sich mit seinem Kollegen Leitmayr und Menzinger durch die penibel aufgeräumte Wohnung bewegt. Das Opfer wurde mit einem Schürhaken erschlagen, doch die bizarre Inszenierung im Wasser wirft Fragen auf. Die Stimme auf dem Anrufbeantworter verrät den ersten Hinweis: „Pass auf, da schleicht jemand in deiner Wohnung herum.“ Veronikas Freundin Anita Mecke hatte sie vor einem „abartigen Schleicher“ gewarnt – einem Phantom, das in ihrer Abwesenheit ihre Räume bewohnt.

Leitmayr, der ohnehin unter den Eigenheiten seines neuen Zuhauses leidet – „Die Dielen knarren wie in einem Horrorfilm“ – lauscht skeptisch der Polizeipsychologin: „Ein Fremdwohner fühlt sich selbst wie ein Schatten, ein Nichts. Erst in fremden Wohnungen wird er zur Person.“ Die Ermittler bleiben misstrauisch. Wer sollte an der Sekretärin Burger, einer leidenschaftlichen Taucherin, Interesse haben? Ihr Freund Jean-Claude Bartl wirkt verstört, versucht aber heimlich mit gefälschten Papieren an ihr Bankschließfach zu kommen.

Wie ein Echo hallt das Tropfen des Wassers durch die Räume, als die Kommissare auf Dr. Wilfried Manz stoßen, den ehemaligen Arbeitgeber der Toten. „Sie war in Unregelmäßigkeiten verwickelt“, behauptet der angesehene Notar steif, während sein Blick nervös durch den Raum flackert. Die Fahndung gleicht dem Versuch, Nebelschwaden einzufangen – bis ein anonymer Brief eintrifft, der von einem Pärchen als Täter spricht. Die handgeschriebenen Zeilen stammen offensichtlich von jemandem, der alles beobachtet hat.

Währenddessen bewegt sich eine verschlossene Gestalt wie ein Geist durch fremde Zimmer, nimmt Fotos von den Wänden, hört Wasserrauschen und flüstert Beobachtungen in ein Diktiergerät. Josef Pieringer – ein Mann, gebrochen durch den Verlust seines Sohnes, der im Wasser ertrank – sucht durch das Leben in fremden Wohnungen nach einer Existenz. „Manchmal sehe ich ihn noch, wie er lacht“, sagt er zu Leitmayr, als sie sich schließlich gegenüberstehen.

Als auch Dr. Manz tot in seiner Garage gefunden wird, verdichten sich die Hinweise auf die Künstlerin Ana Gramm und ihren Komplizen Richie Freisinger. Ein Erbe, ein gefälschtes Testament, alte Rache – die Motive verästeln sich wie die Adern eines Blattes. Doch der einzige Zeuge bleibt der scheue Fremdwohner, dessen Aussage alles entscheiden könnte. Als die Ermittler ihn endlich ausfindig machen, ahnen sie nicht, dass die wahren Täter ihm bereits dicht auf den Fersen sind und bereit sind, alles zu tun, um ihr dunkles Geheimnis zu bewahren…

Hinter den Kulissen

Der Tatort „Der Fremdwohner“ ist der 33. Fall für das beliebte Münchner Ermittlerduo Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), unterstützt von ihrem Kollegen Carlo Menzinger (Michael Fitz). Die vom Bayerischen Rundfunk produzierte Folge wurde im Frühjahr 2002 in München gedreht, wobei besonders das Stadtviertel Au mit seinem beinahe dörflichen Charakter als atmosphärischer Schauplatz diente.

Unter der Regie von Peter Fratzscher und nach dem Drehbuch von Markus Fenner gelang es, einen komplexen psychologischen Krimi zu inszenieren, der die Grenzen zwischen Opfer, Täter und Zeuge verschwimmen lässt. Besonders August Zirner überzeugte in der Rolle des geheimnisvollen „Fremdwohners“ Josef Pieringer mit seiner sensiblen Darstellung eines innerlich zerrissenen Mannes, der im Verlust seiner Familie den Halt im Leben verloren hat.

Die Erstausstrahlung am 17. November 2002 in der ARD erreichte beachtliche 8,44 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 23,5 Prozent. Besonders die Kritiker lobten die ungewöhnliche Thematik des „Fremdwohnens“ – ein reales Phänomen, bei dem Menschen heimlich in den Wohnungen anderer leben, ohne Spuren zu hinterlassen. Nach der Ausstrahlung kursierten in Internetforen zahlreiche Theorien und persönliche Berichte zu ähnlichen Erfahrungen, was die verstörende Kraft des Films zusätzlich unterstreicht.

Besetzung

Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Carlo Menzinger – Michael Fitz
Anita Mecke – Bettina Redlich
Claudia Ruhland – Claudia Lössl
Pieringer – August Zirner
Ana Gramm – Barbara Philipp
Wilfried Manz – Wilhelm Manske
u.a.

Stab

Drehbuch – Markus Fenner
Regie – Peter Fratzscher
Kamera – James Jacobs
Musik – Joachim J. Gerndt

Bilder – WDR/Bavaria Film/klick/Christ