Kurz und knapp – darum geht’s

Ein Bauarbeiter aus der ehemaligen DDR liegt tot auf einer Münchner Straße – überfahren, während seine Augen verbunden waren. Die Kommissare Batic und Leitmayr ermitteln auf einer Baustelle voller Leiharbeiter aus dem Osten, wo jeder seine Vergangenheit zu verbergen scheint. Für Leitmayr wird der Fall persönlich, als er entdeckt, dass seine Freundin Susanne eine Affäre mit einem Freund des Opfers hat. Als die Ermittler einen Zusammenhang zur Stasi herstellen und Leitmayr verdeckt auf der Baustelle ermittelt, geraten beide in eine lebensbedrohliche Falle…

Inhalt der Tatort-Folge „Kainsmale“

Enttäuscht streift Franz Leitmayr durch die kühle Münchner Nacht, nachdem er erfahren hat, dass seine Freundin Susanne nach einem banalen Streit beim Picknick mit einem anderen Mann zusammen ist. Der Kommissar stürzt sich in den Fall des ermordeten Bernd Heise, einem Bauarbeiter mit Doktortitel in Philosophie aus den neuen Bundesländern, um den Schmerz zu betäuben. Doch die Wunde sitzt tief, und sein Kollege Batic kann kaum den blinden Aktionismus seines sonst so besonnenen Partners bremsen.

„Zeit ist Geld, und beides habt ihr nicht“, knurrt der Vorarbeiter auf der Baustelle, wo das kalte Neonlicht der Bauscheinwerfer die angespannten Gesichter der Männer wie Masken erscheinen lässt. Hier arbeitete das Opfer für eine zwielichtige Leiharbeitsfirma aus Potsdam, die ostdeutsche Arbeitslose zu Hungerlöhnen in den Westen vermittelt. Die Spuren führen zu Bulli Rülicke, dem besten Freund des Toten – und ausgerechnet dem neuen Geliebten von Leitmayrs Freundin.

Die Ermittlungen gleichen einem Gang durch ein Minenfeld aus Lügen und Geheimnissen. In den Aktenordnern und Koffern der Bauarbeiter lauern explosive Wahrheiten aus der jüngsten deutschen Vergangenheit. „Das Kainsmal der Stasi“, murmelt einer der Verdächtigen, „man wird es nie los.“ Als die Verhöre im Sand verlaufen, beschließt Leitmayr, sein Glück als verdeckter Ermittler zu versuchen. Mit Schaufel und Helm bewaffnet mischt er sich unter die Bauarbeiter, während die grauen Stahlgerüste wie ein Gefängnis um ihn herum aufragen.

Der Winter hat München fest im Griff, und mit jedem Tag wird die Atmosphäre eisiger. Plötzlich verschwindet Bulli, und Susanne beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Die Suche nach Beweisen wird für Batic und Leitmayr zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Doch während sie dem Mörder immer näher kommen, ahnen sie nicht, dass dieser längst jeden ihrer Schritte kennt und eine tödliche Falle vorbereitet hat…

Hinter den Kulissen

„Kainsmale“ ist der vierte Fall des Münchner Ermittlerduos Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), das später zu den langlebigsten Teams der Tatort-Geschichte werden sollte. Die Dreharbeiten fanden 1992 unter dem Arbeitstitel „Zeit ist Money“ in München statt und spiegelten die damals hochaktuelle Thematik der deutschen Wiedervereinigung und deren gesellschaftliche Folgen wider.

In einer Nebenrolle ist Matthias Fuchs zu sehen, ein geschätzter Schauspieler, der leider am 31. Dezember 2001 verstarb. Die Erstausstrahlung am 20. September 1992 in der ARD erreichte beeindruckende 38,3 Prozent Marktanteil – das entsprach 11,47 Millionen Zuschauern.

Der Film thematisiert die Nachwehen der deutschen Wiedervereinigung: Die Ausbeutung ostdeutscher Arbeiter durch westdeutsche Unternehmen, die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern und die Schatten der Stasi-Vergangenheit. Das „Kainsmal“ im Titel bezieht sich auf das biblische Zeichen des Brudermörders Kain – hier als Metapher für die nicht abzustreitende Vergangenheit ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Nach der Ausstrahlung wurde der gesellschaftskritische Ansatz des Films von Kritikern positiv hervorgehoben, während Zuschauer besonders die wachsende Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern bemerkten, die zu diesem Zeitpunkt noch am Anfang ihrer gemeinsamen Karriere standen.

Besetzung

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Susanne – Claudia Messner
Bulli Rülicke – Michael von Au
Hannes Gilhoff – Gunter Schoß
Klaus Bräuninger – Matthias Fuchs
Alois Kogl – Detlef Kügow

Stab

Regie – Erwin Keusch
Buch – Wolfgang Hesse
Kamera – Dietmar Koelzer, Rainer Hartmann
Schnitt – Renate Metzner-Wilde, Barbara Koch, Christine Zech
Musik – Andreas Köbner
Produktion – BR