Kurz und knapp – darum geht’s

In einem Bremer Hochhausghetto wird die Leiche der 12-jährigen Miriam Meinfeld gefunden – auf den ersten Blick ein Selbstmord, doch die Obduktion fördert Erschreckendes zutage: Das Mädchen wurde missbraucht und misshandelt. Die Kommissare Inga Lürsen und Nils Stedefreund stoßen bei ihren Ermittlungen auf eine seltsame Tätowierung an der Hand des Opfers, die sie zu einer einflussreichen Sekte führt. Als die Ermittler langsam das grausame Netzwerk enttarnen und der Bibliothekarin Karin Melzer auf die Spur kommen, die mehr über die Hintergründe weiß, geraten plötzlich alle Beteiligten in tödliche Gefahr…

Inhalt der Tatort-Folge „Abschaum“

Fassungslos steht Kommissarin Inga Lürsen vor der Leiche des jungen Mädchens, während der kalte Wind durch die Hochhäuser des Bremer Stadtteils Tenever pfeift. Die Kulisse aus grauen Betonklötzen scheint die Hoffnungslosigkeit des Falls zu unterstreichen: Die zwölfjährige Miriam Meinfeld hat sich scheinbar selbst das Leben genommen. Doch was die Obduktion enthüllt, verschlägt selbst der erfahrenen Kommissarin den Atem: jahrelanger Missbrauch, unzählige Knochenbrüche und eine rätselhafte Substanz im Blut des Mädchens.

Lürsen und ihr Kollege Stedefreund wirken angespannt, als sie die Eltern des Opfers befragen. Besonders Lürsen scheint der Fall nahezugehen – ihre Sorge um die noch lebenden Geschwister Miriam, Svenja und den kleinen Björn, ist förmlich greifbar. Während der Befragung lenken die Eltern den Verdacht gezielt auf ein nahegelegenes Heim für geistig Behinderte, dessen Bewohner sie als „Abschaum“ bezeichnen. Ein Hinweis, der wie ein giftiger Köder wirkt, den die Ermittler zunächst schlucken.

„Die sind wie Wölfe im Schafspelz“, behauptet Miriams Mutter mit stechenden Augen, während sie auf das Heim deutet. Die Abneigung der Anwohner gegen die Einrichtung gleicht einem schwelenden Feuer, das nur darauf wartet, in offene Flammen auszubrechen. Als die Beamten im Heim den ehemaligen Bundeswehrsoldaten Harald ausfindig machen, der den Meinfeld-Kindern nahestand, scheint der Fall eine klare Richtung zu nehmen.

Doch eine geheimnisvolle Tätowierung auf Miriams Hand führt Stedefreund auf eine völlig andere Fährte. In der Stadtbibliothek trifft er auf Karin Melzer, eine Expertin für Sekten, deren Erzählungen so albtraumhaft klingen, dass selbst seine Kollegin Lürsen ihr zunächst keinen Glauben schenken will. „Diese Leute stehen über dem Gesetz“, warnt die Bibliothekarin mit gesenkter Stimme. „Sie haben Geld, Macht und genügend Einfluss, dass nichts von dem, was sie tun, nach außen dringt.“

Die Suche nach der Wahrheit im Tatort „Abschaum“ wird für Lürsen und Stedefreund zum Abstieg in menschliche Abgründe. Je tiefer die Kommissare in den Fall eintauchen, desto mehr gleicht ihre Ermittlungsarbeit dem Versuch, in völliger Dunkelheit einen Weg zu finden – blind tastend und mit der ständigen Gefahr, in die Tiefe zu stürzen. Als nach und nach alle Zeugen verstummen und Miriams Geschwister spurlos verschwinden, erkennen die Ermittler schließlich das erschreckende Ausmaß einer Verschwörung, die bis in die höchsten Kreise der Stadt reicht…

Hinter den Kulissen

Der Bremer Tatort „Abschaum“ (Folge 562) wurde zwischen dem 30. September und dem 4. November 2003 in Bremen und der näheren Umgebung gedreht. Die düsteren Hochhauslandschaften des Stadtteils Tenever bilden die authentische Kulisse für den beklemmenden Kriminalfall, der am 4. April 2004 im Ersten Programm seine Erstausstrahlung erlebte.

Die Hauptrollen übernahmen Sabine Postel als Kriminalhauptkommissarin Inga Lürsen (ihr elfter Fall) und Oliver Mommsen als Kriminalkommissar Nils Stedefreund (sein sechster Fall). Zu den prominenten Gastdarstellern dieser Folge zählte unter anderem Monica Bleibtreu, die Mutter des bekannten Schauspielers Moritz Bleibtreu, die in der Rolle der Bibliothekarin Karin Melzer zu sehen war. Weitere Hauptgaststars waren Hans-Uwe Bauer, Martina Schiesser und Michael Lott.

Während der Erstausstrahlung erreichte der Film 7,96 Millionen Zuschauer, was einem beachtlichen Marktanteil von 22,6 Prozent entsprach. Für Aufmerksamkeit sorgte „Abschaum“ nicht nur wegen seiner hohen Einschaltquoten, sondern auch aufgrund seiner ungewöhnlich hohen Anzahl an Todesopfern – mit 14 Toten handelt es sich um die Tatort-Folge mit der zweithöchsten Opferzahl überhaupt. Die drastische Gewaltdarstellung und die sensible Thematik lösten nach der Ausstrahlung intensive Diskussionen in Medien und Politik aus.

Als Vorlage für den von Thorsten Näter geschriebenen und inszenierten Tatort dienten die Dokumentationen „Höllenleben“ und „Höllenleben – Der Kampf der Opfer. Ritueller Missbrauch in Deutschland“ von Liz Wieskerstrauch. Der Regisseur erklärte später, er sei „erschüttert gewesen, wie wenig Öffentlichkeit das Thema bis dahin hatte“ und habe mit seinem Film versuchen wollen, „dem Leid der Opfer gerecht zu werden“, ohne dabei die drastischen Rituale zu sehr in den Vordergrund zu stellen.

Besetzung

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Kommissar Stedefreund – Oliver Mommsen
Karin Melzer – Monica Bleibtreu
Helen – Camilla Renschke
Staatsanwalt Dr. Berger – Helmut Zhuber
Oberstaatsanwalt Mertens – Christoph Bantzer
Bodo Meinfeld – Michael Lott
Svenja Meinfeld – Luisa Sappelt
Björn Meinfeld – Philip Stölken
Sigrid Meinfeld – Martina Schiesser
Walter – Christian Bruhn
Dr. Wulf – Rainer Luxem
Lohmann – Peter Rühring
Harald Markwart – Hans Uwe Bauer

Stab

Drehbuch – Thorsten Näter
Regie – Thorsten Näter
Szenenbild – Alexander Liebler
Kostüme – Astrid Karras
Kamera – Achim Hasse

Bilder – MDR/RB/Jörg Landsberg